Zur Finanzkrise

Vizekanzler Steinmeier trat im September 2008 vor die Kameras und sagte: „Nichts wird mehr so sein wie zuvor!“

Was war geschehen?

Um für sich selbst und für die AnlegerInnen, vor allem für die BesitzerInnen großer und größter Vermögen, immer höhere Gewinne zu erzielen, haben die Banken und Geldinstitute der USA und Europas in gemeingefährlicher Weise immer wertlosere Geldprodukte auf den Markt gebracht und diese als sichere, rentable etc. Geldanlagen teuer verkauft. Unabhängig davon, dass diese „Finanzprodukte“ für normale Menschen gar nicht mehr zu verstehen waren, haben sie aufgrund der fehlenden Substanz im Lauf der Zeit dramatisch an Wert verloren.

Auf Dauer war das nicht aufrecht zu erhalten. Bereits in den 15 Jahren zuvor gab es immer wieder spektakuläre Fälle, die das schlaglichtartig deutlich machten. Erinnert sei beispielsweise an den Zusammenbruch der „New Economy“, an den Milliardenverlust der T-Aktien und an die Börseneinbrüche zu Beginn dieses Jahrtausends.

Im aktuellen Fall kündigte sich das Desaster seit 2007 bereits an. Die Ver­mögen von Banken, Versicherungen, Konzernen, Kommunen, aber auch der großen AktienbesitzerInnen verloren an Wert. Seit Beginn des Jahres 2008 beschleunigte sich dieser Prozess als Spirale nach unten, weil aufgrund der immer deutlicheren Anzeichen immer mehr AnlegerInnen ihre wertlosen Papiere zu verkaufen suchten. Pleiten, Konzernzusammenbrüche und die Kursstürze an allen Börsen der Welt waren die Folge. Wie wir heute wissen, ging es um Verluste von mindestens vierzehn Billionen Euro (14.000.000.000.000 Euro / Bundeskanzlerin Merkel im Oktober 2011 im Bundestag). Wobei dieser Zahl nicht zu trauen ist, da nach Strich und Faden gelogen wurde und wird und niemand – weder die Wirtschaft noch die Regierungen – die volle Wahrheit nennt, um nicht noch mehr zu verlieren.

Was ist das Ergebnis?

Es muss klar benannt werden: Das kapitalistische System mit seinem innewohnenden ökonomischen Gesetz des Strebens nach „maximalem“ Profit hat Milliarden von Menschen in Not und Elend gestürzt. Ganze Staaten werden – einzig von ultrareichen Spekulanten – in den Ruin getrieben.

Hinter den Zahlen stehen Schicksale und reale Katastrophen. Die Ökologie nimmt Schaden. Der Hunger greift um sich. Arbeitslosigkeit und Ausbeutung ufern aus. Revolten brechen aus. Die Flüchtlingsströme wachsen. Und auch Kriege entwickeln sich in einer Dramatik, wie wir sie seit dem letzten Weltkrieg nicht mehr kannten. Immerhin ist der größte Finanzschaden in der Geschichte der Menschheit angerichtet worden.

Was machen die Regierungen? Sie entpuppen sich einmal mehr als Sachwalter des Systems und haben nicht das Wohl der Menschen im Auge, sondern die Interessen der Banken und Konzerne, sowie die des hinter diesen stehenden Kapitals. Mit bisher ungekannten Summen wurden in bisher ungekannter Geschwindigkeit „Hilfs- und Rettungspakete“ in Kraft gesetzt, die einzig und alleine denjenigen zu Gute kommen, die den Schaden angerichtet haben: Den Spekulanten und Banken.

Wobei in seltener Klarheit deutlich wird, wer in den westlichen Industrie-Nationen das Sagen hat: Nicht die PolitikerInnen, KanzlerInnen und Prä­sidentInnen, sondern die Konzern- und Bankherren als Vertreter der Super-AktionärInnen. Sie haben all die Maßnahmen beschlossen und den Regierungen an die Hand gegeben, die diese dem staunenden Volk in den Nachrichten präsentierten. Also diejenigen, die den Großbrand gelegt haben, geben auch vor, wie gelöscht werden soll. Natürlich vor allem so, dass ihr Besitz davon profitiert.

Und so wurde ein weiterer gigantischer Umverteilungsprozess von unten nach oben angekurbelt. Einer, der alles bisher da Gewesene übertrifft. Bereits jetzt, mitten in der Krise, bedienen sich die Ultra-Vermögenden erneut. Sie nutzten die gefallenen Kurse, um sich billig einzudecken. Der Kreislauf von Spekulation, Rendite und Profit mit folgendem Zusammenbruch wird erneut angeheizt. Allerdings auf noch höherem Niveau.

Was ist zu lernen?

Das, was wir erlebt haben und erleben, ist schlicht und ergreifend Kapitalismus. Kapitalismus pur – in seiner neoliberalen Form. Entsprechend ist gesamtgesellschaftlich eine Debatte über Alternativen dringend geboten.

Dieses auf Profit basierende kapitalistische System existiert seit einigen hundert Jahren. Es ist von Anbeginn und durchgängig gekennzeichnet von Ausbeutung, Umweltzerstörung, Verletzung der Menschenrechte und Krieg.

Für einen heute 30-Jährigen stellt es sich etwa so dar: Seine Ur-Großeltern haben die kolonialistischen Verbrechen, das Elend in den industriellen Zentren und den Ersten Weltkrieg erlebt. Seine Großeltern waren Zeugen der ersten “Weltwirtschaftskatastrophe“, des Zweitem Weltkrieges und der Atombombe. Seine Eltern wurden Zeuge des Anstiegs des Hungers in der Welt, der Umweltzerstörung, einer endlosen Folge von Kriegen, der Ausbeutung der Dritten Welt und von Missachtung von Menschenrechten bis hin zur Abschlachtung von Menschen in armen Ländern, nur um ihre Organe für Reiche zu stehlen. Und er selbst lebt inmitten eines Systems, in dem sich einige wenige Ultrareiche schamlos auf Kosten der gesamten Menschheit bereichern.[1]

All das lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Ohne eine Überwindung des Profit-Prinzips zu Gunsten eines Solidar-Prinzips wird diese Entwicklung nicht zu stoppen sein, sind Frieden, Menschenrechte, soziale Sicherheit und intakte Umwelt nicht zu erringen.

Und die Finanzen?

Unabhängig davon, dass die gesamtgesellschaftliche Debatte vom Engagement jedes und jeder Einzelnen abhängt, führt die „Finanzkrise“ jeder Sparerin und jedem Anleger nochmals drastisch vor Augen, welche Verantwortung er bzw. sie im Finanzbereich trägt. Natürlich sind wir alle in dieses auf Profit und Rendite basierende kapitalistische System eingebunden. Doch können wir uns jeden Tag entscheiden, ob und inwieweit wir es mitmachen bzw. ob und inwieweit wir es verweigern.

Wer Geld bei der Bank abgibt, muss sich Gedanken darüber machen, was auf der anderen Seite des Schalters damit geschieht. Geld vermehrt sich nicht und Geld „arbeitet“ – entgegen anderslautender Behauptungen – auch nicht. Jede Rendite ist Ergebnis von Ausbeutung. Entweder von Menschen. Oder von Umwelt. Oder von beidem.

Schon seit Jahren gibt es Alternativen zur herkömmlichen Finanzwelt.[2] Damit ist nicht das gesamte System aufgehoben, aber die Alternativen leisten ihren kleineren oder größeren Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Debatte über das vorherrschende System von Gewinn und Profit und sollten auf alle Fälle genutzt werden.

Allerdings muss genau hingeschaut und die Spreu vom Weizen getrennt werden. So manche Geldanlage, die „alternativ“ und „grün-ethisch“ daher kommt, ist nichts anderes als Etikettenschwindel. Und kaum eine Finanz-Alternative arbeitet so grundsätzlich wie ProSolidar, wo tatsächlich der herkömmliche Geldkreislauf verlassen wird, Rendite und Gewinn außer Acht bleiben, statt dessen dem Solidar-Prinzip Priorität eingeräumt wird und die unmittelbare Förderung sozial- und ökologiepolitischer Projekte sowie Konzern- und Systemkritik im Zentrum stehen.



[1]    Im Januar 2014 veröffentlichte OXFAM eine Studie, nach der die lediglich 85 reichsten Personen der Welt über so viel Vermögen verfügen wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Und die kleine Zahl von lediglich 1.100 Ultra-Reichen besitzt die Hälfte des gesamten Weltvermögens.
[2]    Gemeint sind etwa alternative Banken wie EthikBank und GLS-Bank, aber auch ethisch und/oder ökologisch ausgerichtete Anlagefonds.
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